Rainer Olzem - arge-geologie.de

Vulcano: Verirrt im Tal der toten Ziegen

von Rainer

Aufstieg zur Fossa

Nach den Aufregungen des Vortags beschließen wir, am nächsten Tag nicht das Schiff um 8 Uhr, sondern das um 10:05 Uhr nach Vulcano zu nehmen. So können wir in aller Ruhe auf der Terrasse des paradiesischen Hotels Miramare frühstücken - natürlich wieder bei Kaiserwetter - und unsere Sachen packen. So paradiesisch das Miramare auch ist, so paradiesisch sind auch seine Preise. 120 EURO pro Zimmer und Nacht sind in der Hauptsaison Ende August zu zahlen. Im Frühjahr kostet das Zimmer nur 75 EURO. Als Hotelservice werden wir dafür in einem Ape-Dreirad vom Hotel zur Mole gefahren.

An der Mole nehmen wir Abschied von Stromboli. Ich glaube, mir werden der Vulkan, die weißen Häuser in der schwarzen Lava und der Fischverkäufer fehlen, der unnachahmlich sein pesce fresce intoniert. Timm macht den Versuch, den canzone di pesce per Handy aufzunehmen. Das Original bleibt unübertroffen. Beim Einstieg in das Tragflächenboot werfen wir einen letzten Blick auf den Berg. Wir werden wiederkommen und ihn besteigen und auf seiner Rückseite durch die lose Asche zum Meer abgleiten.

An Bord des Schiffes A. M. Lauro läuft über die Bordfernseher eine schreckliche alte Musikschnulze aus den USA mit einem der Hepburn-Mädels. Auf den Inseln Panarea, Salina und Lipari landen wir kurz zwischen. Um 12 Uhr erreichen wir die Mole von Vulcano. Hier ist es ungewöhnlich heiß, man sagt uns, das sei der heiße Wind aus Afrika. Es ist 36 °C im Schatten, ohne jeden Wind. Über die Information finden wir ohne Komplikationen und trotz Hauptsaison schnell eine Unterkunft im Hotel Rojas. Es ist ein mittelmäßiges Touristenhotel. Wir mieten ein großes Zimmer mit 4 Betten und Klimaanlage. Das Zimmer kostet einschließlich eines schlechten Frühstücks immerhin 176 EURO pro Nacht. Es ist eben Hochsaison.

Schwefelfelder am Kraterrand

Wir machen uns kurz frisch und brechen um 14:30 Uhr zur Fossa von Vulcano auf. Der Ort ist überfüllt mit Touristen, überwiegend italienischen. Nach wenigen Kilometern biegt von der asphaltierten Hauptstraße links ein staubiger Weg hoch zum Gipfel ab. Auf halber Höhe steht ein Zelt, davor ein Tisch und dahinter ein Kassierer. 3 EURO Eintritt. Nur im Sommer, wenn die Touristen da sind, sagt der Kassierer. Der Aufstieg gestaltet sich trotz der geringen Höhe des Bergs sehr schwierig, zumindest für Jan und Rainer. Die Hitze nimmt an den Hängen eher noch zu. Jan hat große Hitzeprobleme. Timm und Kai sind schon lange oben, als nacheinander Rainer und Jan einlaufen. Wer glaubt, Timm sei zumindest leicht ermüdet, der wird sofort eines Besseren belehrt, als er im Laufschritt in den Krater absteigt und trotz des steilen Kraterrandes gleichzeitig mit Jans Erscheinen wieder zurück ist.

Wir passieren die Schwefelfelder des Kraterrandes. Hier blasen zahlreiche Solfataren mit stechendem Geruch ab. Die Dämpfe bestehen zum größten Teil aus überhitztem Wasserdampf, daneben auch CO2, SO4, H2S und in geringem Anteil HCl. Generell gilt, dass die heißeren Fumarolen durch höhere Gehalte an SO2 und geringere Gehalte an H2S gekennzeichnet sind. Bei niedrigen Temperaturen nimmt H2S zu und SO2 ab. Deswegen wird an heißen Fumarolen der typische H2S-Geruch nach faulen Eiern durch den stechenden SO2-Geruch überdeckt.

Blick in die Fossa

Wir steigen auf zum höchsten Punkt der Fossa. Vor hier aus genießen wir einen eindrucksvollen Blick über die ganze Insel.

Der 391 m hohe Kegel der Fossa von Vulcano ist neben dem Stromboli der zweite tätige Vulkan der Äolischen Inseln. Wie man morphologisch gut erkennt, besteht die Fossa aus zwei sich überschneidenden Kegeln. Der östliche ist die ältere Fossa I oder Alt-Fossa, der westliche die jüngere Fossa II oder Jung-Fossa. Die Fossa I hat ein Alter von maximal 10.000 Jahren, aber mindestens 4.800 Jahren. Zuerst erfolgte eine Förderung von an Aschen reichen Tuffen, danach von trachytischen Laven. Damit endete die frühe Tätigkeit der Fossa I. Eine neue Tätigkeitsperiode, in der die Fossa II entstand, setzte in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts ein, nachdem sich der Schlot um gut 400 m nach Westsüdwest verlagert hatte.

Im Jahre 1727 wurde der obere nördliche Seitenkrater ausgesprengt, der anscheinend über mehrere Jahre mit kürzeren Pausen tätig war. 1731 ereignete sich eine besonders heftige exzentrische Eruption, durch die wahrscheinlich der südliche und kleinere der beiden Nebenkrater gebildet wurde. 1739 entstand während einer außergewöhnlich heftigen Eruption der Pietre Cotte- Obsidianstrom. 1771 erfolgten erneut heftige Ausbrüche, die eine zolldicke Ascheschicht auf der Nachbarinsel Lipari verursachten. Durch die Schäden an Pflanzen und Haustieren litten die Liparoten damals unter einer großen Hungersnot.

Blick auf Vulcanello und die Äolischen Inseln

Im Januar 1886 begann eine neue heftige phreatische Eruption mit Auswurf von Blöcken und Aschen. Danach trat wieder eine scheinbare Ruhe ein. Wenn man am Kraterrand stand, hörte man ein fortwährendes Rollen, als wenn ein Eisenbahnzug über eine Brücke führe (Mercalli 1888). Spalten in der Kraterwand, aus denen unter starkem Druck Gase entwichen, waren häufig rot glühend, im Dunklen konnte man dort bläuliche und grün gesäumte Flammen von dem an der Luft entzündeten Schwefelwasserstoff und den glühenden Borsäure- Dämpfen erkennen.

Anfang August 1888 steigerte sich die Fumarolentätigkeit und die Temperatur der Dämpfe nahm schließlich so zu, dass sich der Schwefel verflüssigte und teilweise selbst entzündete. Die beim Schwefelabbau eingesetzten Sträflinge weigerten sich, in den Krater hinab zu steigen. Am 03. August 1888 des nachts begann der bislang letzte Ausbruch mit einer Explosion, der rasch weitere folgten, die an Heftigkeit zunahmen. Aschen und große glühende Blöcke fielen bis zu 3 km entfernt auf den bewohnten Nordteil der Insel. Sie durchschlugen die Dächer der Fabrik- und Wohngebäude und setzten die Schwefelvorräte sowie einige an der Mole liegende Schiffe in Brand. Als der Ginsterbewuchs des Kegels in Flammen aufging, glaubten die Liparoten, auf Vulcano sei ein Lavastrom ausgeflossen. Die wenigen Bewohner von Vulcano hatten sich mit Booten gerettet, die Sträflinge konnten sich nur in die Alaun-Höhlen des Faraglione in Sicherheit bringen.

Am 05. August trat zunächst wieder Ruhe ein, die jedoch bereits am 18. August durch neue heftige Eruptionen beendet wurde. Eine besonders heftige Eruption ereignete sich am 15. März 1890, wobei Tonnen schwere Brotkrusten - Bomben mit bis zu 5 m Durchmesser fielen. Erst am 22. März 1890 endete die explosive Aktivität. Die italienische Regierung entsandte damals eine eigens zum Studium dieser Ausbrüche gebildete Kommission, eine vulkanologische Pioniertat.

Im Canyon

Auf der Südseite des Vulkans gibt es die Möglichkeit, auf der feinen Asche ins Tal abzugleiten. Wir lassen uns dieses Vergnügen nicht entgehen. Am Fuß des Berges rutschen wir in einem kleinen Canyon weiter nach unten, dessen Tiefe zuerst etwa 2-3 m beträgt und weiter unten immer flacher wird. Unten suchen wir nach Anzeichen eines steil in die Aschen eingeschnittenen Bachbetts, das uns zur Asphaltstraße zurückbringen soll. Rainer ist diesen Weg schon mehrfach gegangen, er weiß aber auch, dass das Bachbett erst ziemlich weit im Süden beginnt. Also gehen wir den Hangfuß entlang nach Südwesten, geraten dabei jedoch mehr und mehr in die Macchia.

Die Macchia ist ein dichtes Gestrüpp aus niedrigen Bäumen, Sträuchern und Dornbüschen mit immergrünen harten Blättern. Bei dichtem Bewuchs ist die Macchia unüberwindlich.

So kämpfen wir uns in der Hitze des Tages immer weiter, bis wir glauben, den Einschnitt zwischen der Fossa und dem Piano-Plateau zu erkennen. Nach Osten fällt der Talboden des Einschnitts zum Meer hin ab, nach Westen zum Inselinneren und damit zurück zur Straße. Unter großen Mühen schlagen wir uns durch die Macchia, von Dornen zerkratzt, uns manchmal nur über die Entfernung durch Rufen verständigend, rutschen wir endlich in ein kühles Trockenbachtal. Wir atmen auf, verschnaufen und brechen unsere letzte Mineralwasserflasche an. Wir sind ja bald im Ort.

Das Bachbett hat sich stellenweise bis 5 m tief in die vulkanischen Aschen eingeschnitten und legt ein phantastisches geologisches Profil frei. Wir erkennen feinste Kreuzschichtungen schwarzer und grauer Aschen, teils durchsetzt mit Steinen und Lapili, wir sehen ehemalige Kluftfüllungen, die nach der Auswitterung der Aschen wie Schutzschirme oder Segel stehen geblieben sind.

Weil das Bachbett zunächst noch leicht nach Osten abfällt, ist Rainer skeptisch, ob das der richtige Weg ist. Er glaubt aber, dass es so ein tief eingeschnittenes Trockental auf Vulcano nur ein Mal gibt. Auch glaubt er, die Lokalität wieder zu erkennen. Als das Gefälle nach Osten aber anhält und das Bachbett allmählich breiter wird und zunehmend auch von niedrigen Büschen bewachsen ist, kommen Rainer erste Zweifel. Dummerweise sagt er aber nichts von seinen Zweifeln und lässt alle weiter laufen.

Plötzlich liegt vor uns ein Skelett. Wir gehen näher heran und erkennen die ausgebleichten weißen Gebeine einer Ziege. Kai trennt den Schädel vom Rest und nimmt ihn mit. Und wir finden immer mehr Ziegenskelette. Wir fragen uns, wo die Skelette herkommen. Gibt es hier Bären oder Wölfe? Nein, das kann nicht sein, aber Füchse, denken wir, gibt es hier schon. Wir glauben, dass die Ziegen die steilen Klippen herab gefallen und verendet sind. Vielleicht haben kleinere Raubtiere und Vögel - es gibt hier viele Raben - das Fleisch gefressen und die Knochen abgenagt. An unserer Theorie ändert sich auch nichts, als wir immer wieder leere Patronenhülsen finden. Welcher Insulaner knallt schon seine eigenen Ziegen ab? Und lässt sie dann auch noch liegen? Die Jäger werden wohl die hier zahlreichen Karnickel geschossen haben. So ganz wohl ist uns bei der Sache aber nicht, vielleicht ist alles doch ganz anders.

Endlich gibt Rainer zu, dass er sich verlaufen hat. Verlaufen im Tal der toten Ziegen. Er muss es zugeben, denn das Bachbett endet in einem riesigen Talkessel mit senkrechten, hundert Meter hohen Wänden. Hier ist kein Weiterkommen. Da wir noch nicht ganz im Inneren des Talkessels sind, versuchen wir, einen weniger senkrechten Hang rechter Hand hoch zu klettern. Hier gibt es Aschen und Gott sei Dank lichte Macchia.

Mit Mühe schaffen wir die Steigung, oben auf dem Grad schwindet unsere gute Laune schnell. So weit wir sehen können, erkennen wir nur weglose Macchia, die immer dichter wird. Die Sträucher sind hier aber nicht so hoch, als dass wir nicht über sie hinweg schauen könnten. So erkennen wir wenigstens ungefähr unsere Zielrichtung ins nächste Tal. In das Tal, in das wir eigentlich wollten. Wir versuchen es geradeaus, rechts und links, teilen uns, finden uns wieder zusammen. Essensvorräte haben wir nicht mitgenommen, Wasser gibt es nicht mehr. Jetzt nur keine Panik.

Mit letzter Kraft durch die Macchia - oder: Kai und sein Ziegenschädel

Wir beschließen, die Mühe auf uns zu nehmen und mitten durch die Macchia zu brechen, durch Unterholz und Dornengestrüpp. Wir sind zerkratzt, bluten an Armen und Beinen, aber es klappt. Nach und nach lichtet sich das Gesträuch, wir gehen auf Ziegenpfaden talwärts. Endlich erreichen wir unser Trockenbachtal. Jetzt erst mal ein überhaupt nicht gestelltes Foto über unsere Leiden.

Weiter in Richtung Asphaltstraße kommen wir an einem Team des Geologischen Instituts der Universität Catania vorbei, das an einer der rund um den Berg eingerichteten vulkanologischen Messstationen zur Vulkanüberwachung Daten ausliest.

Kurz vor dem Ortseingang von Porto di Levante machen wir, trotz aller Erschöpfung, einen Abstecher zum Obsidianzug des Pietre Cotte. Hier am Fuß des Zugs liegen überall schwarze Obsidian-Bruchstücke herum. Frische Handstücke zu schlagen, ist an dieser Stelle schwierig, da der Zug hier unten schwer zugänglich ist. Wir begnügen uns mit einigen aufgesammelten Proben. Es sind keine reinen Stücke wie auf Lipari, sondern Bänder- und Schneeflocken-Obsidiane.

Müde und verstaubt erreichen wir den Ort und kaufen unser Abendessen: Brot, Käse, Salami, Weintrauben, Pfirsiche, Bier und Wein. Timm badet anschließend noch im heißen Schlammpool des Solfatarenfeldes. Auch hier muss Eintritt bezahlt werden. Auch hier nur im Sommer, wenn die Touristen da sind. Den Geruch nach faulen Eiern kriegt Timm in den nächsten Tagen nicht aus seinen Klamotten.

Wir beschließen den Abend auf der Terrasse unseres Hotels, verzehren unseren Einkauf und stellen mit den lästigen Ameisen ernsthafte wissenschaftliche Experimente an: Ziehen Ameisen Käse dem Brot vor? Welche Käsesorten mögen sie lieber? Fressen sie erst die größeren und dann die kleineren Brocken? Schaffen sie die Beute weg oder fressen sie alles an Ort und Stelle? Sind sie betrunken, wenn wir sie mit Bier übergießen? Kümmern sie sich um ihre Kollegen, die betrunken sind oder getötet wurden?

Alles wichtige Fragen, die wir nicht abschließend beantworten können. Was wir aber beantworten können, ist die Tatsache, dass wir nach einem harten Tag eine gewisse Wirkung verspüren, wenn wir uns mit Bier und Wein begießen. Buona notte.

Nach oben