| Rainer Olzem Diplom-Geologe |
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Mittwoch, 25. August 2004Flucht auf die Kraterterrassevon Kai Am Morgen des 25.08. beginnen wir unseren Tag gegen halb Neun im Hotel Miramare mit einem ausgedehnten unerwartet touristenfreundlichen Frühstück. Wir können sogar zwischen verschiedenen Käse- und Brotsorten wählen. Als wir alle zur Genüge gesättigt sind, hält Rainer einen kleinen Vortrag über die grundlegenden Prinzipien der Plattentektonik, den geologischen Aufbau und die Geschichte Strombolis. Gegen 12 Uhr haben wir den Einkauf unseres Marschvorrates im örtlichen Supermarkt erledigt. Nun sind wir ausreichend mit Wasser und dem Strapazen entschädigendem Gipfelkäse ausgerüstet. Es verbleiben uns zwei Stunden zur Vorbereitung und zum Ausruhen, da wir den Beginn des Aufstiegs für 14 Uhr festgelegt haben. Wir starten von unserem Hotel Miramare, das sich etwa auf Meereshöhe befindet, über einen breiten gepflasterten und geteerten Weg, der uns zunächst in östliche Richtung durch den Ort San Bartolo führt. Nach etwa 1,5 km steigt der Weg serpentinenartig in Richtung Südwesten an. Wir passieren die Vallonazzo-Schlucht, durch die der pyroklastische Strom als Folge des großen Ausbruchs von 1930 zu Tal gedonnert ist. Über diesen Ausbruch hatte Timm bereits gestern berichtet. In etwa 100 m Meereshöhe erreichen wir unsere Pizzeria vom Vorabend, die jetzt noch geschlossen hat. Hier verlassen wir die bewohnte Zone und erreichen den so genannten Schilfgürtel. In einer Höhe von 270 m über NN wird der angenehm zu laufende Weg schließlich durch lose Aschen, Sande und Wurfschlacken abgelöst. Die Wurfschlacken sind miteinander verschweißt und bilden stufenartige Schweißschlackenbänke. Wenige Höhenmeter weiter begrüßt uns eine Absperrung, an der uns in verschiedenen Sprachen von offizieller Seite klargemacht wird, dass man beim Übertreten dieser Absperrung die Wahl hat zwischen einer Geldstrafe von 206 Euro oder einem 2-monatigen Aufenthalt in einem luxuriösen italienischem Gefängnis. Wir gehen weiter. Auf 415 m über NN spielt Jans Kreislauf wegen der großen Hitze verrückt und zwingt uns zu einer dreiviertelstündigen Pause im Schatten. Jan beschließt, zu späterem Zeitpunkt nachzukommen und gibt Rainer noch kurze Instruktionen zur Bedienung seiner Spiegelreflexkamera. Um 16.43 Uhr setzen wir ohne Jan unseren Aufstieg fort. Bereits 20 Minuten später auf einer Höhe von 535 m klagt Rainer über eventuelles Fieber, was sich Gott sei Dank später als nicht existent herausstellen sollte. Der Exkursionsleiter erlaubt Timm und mir, den Aufstieg ohne ihn weiter zu führen. Von nun an führt der Weg über ältere Lavabänke und Pyroklastite, die dem Neo-Stromboli zuzuschreiben sind. Die sich darüber befindende junge Asche, die Sande und die Wurfschlacken erklären den recht abrupten Rückgang der Vegetation oberhalb von 600 m. Gegen 17.15 Uhr hören wir die Stimme von Rainer, der sich angeregt mit zwei Italienern zu unterhalten scheint. Sofort vermuten Timm und ich, dass es sich bei den Italienern um Polizisten handelt, in diesem Zuständigkeitsbereich die Guardia di financa. Bereits um halb Sechs ist kein Anzeichen von Rainer mehr vorhanden. Nun erkennen wir deutlich, dass es sich bei zumindest einem der beiden Verfolger um einen Polizisten handelt. Zu diesem Zeitpunkt befinden wir uns ungefähr 650 m über NN und beschließen, die letzten knapp 300 Höhenmeter ohne Pause weiterzulaufen. Unseren Vorsprung vor der Guardia di financa halten wir für ausreichend. Ab circa 670 Höhenmetern steigt sowohl die Anzahl als auch die Größe der ausgeworfenen Lavafetzen stetig. Darunter befinden sich schmale Lavabänke des Neo-Stromboli, die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, direkt nach dem Auswurf, noch über extreme Temperaturen und eine sehr geringe Viskosität verfügt haben, dass es zu sekundären Fließerscheinungen kam. In 750 Metern Höhe sieht man chaotisch angeordnete Pyroklastite, die noch vom Paläo-Stromboli stammen. In dieser Höhe ist der Sand knöcheltief, doch der Drang, das erste Mal in unserem Leben einen aktiven Vulkan vom Gipfel aus zu sehen und die damit verbundene Bedingung, noch vor den Polizisten, die immer näher kommen, oben zu sein, sind stärker als unsere Erschöpfungserscheinungen. Um 18.19 Uhr erreichen wir den Gipfel, der mit 918 m etwa 130 bis 160 m oberhalb der Fossa liegt. Östlich unseres Standpunktes erkennt man Blöcke und Schlacken pyroklastischen Ursprungs, die man dem Kraterrand des älteren Neo-Stromboli zuordnet. Durch einen früheren Einbruch entstand die heutige Sciara del Fuoco-Caldera. Man vermutet, dass es mindestens zweimal eine Verschiebung des Kraters um insgesamt 400 bis 500 in nordwestliche Richtung gegeben hat. Wir haben einen logenartigen, unbeschreiblichen Ausblick auf die insgesamt fünf Bocchen der Fossa, die eine durchschnittliche Ausbreitung von 200 bis 300 Metern aufweist. Die Lage, die Form, sowie die Anzahl der Bocchen verändern sich immer wieder, da die Kraterterrasse aus erstarrter Schlacke besteht, die wie ein Deckel auf dem Schlot des Neo-Stromboli sitzt. Das sich darunter befindliche Magma sucht sich immer wieder einen anderen Weg zur Oberfläche. Alle Bocchen weisen unterschiedliche Tätigkeitsformen auf, die von der Intensität der Entgasungen, der Höhe der Magmasäule, als auch von deren Form und Durchmesser abhängig sind. Bereits 1½ Minuten später erreichen die Polizisten den Gipfel. Sie gönnen uns nicht einmal den schwer verdienten Gipfelkäse und fragen uns: Didn`t you see the advice on 400 m? Wir stellen uns dumm und verneinen die Frage zum Ratschlag, worauf hin sie zu unserem Erstaunen meinen: Here you are on 900 m. Take a photo and go down. Schweren Herzens ließen wir unsere ratio gewinnen und verließen den Gipfel - vielleicht sogar ein wenig glücklich darüber, dass wir den Abstieg nicht in Handschellen durchführen mussten. Bereits eine halbe Stunde später, gegen zehn vor Sieben, treffen wir auf Rainer und den wieder zu Kräften gekommenen Jan, die, wie wir bereits vermutet hatten, von den Polizisten am weiteren Aufstieg gehindert wurden und uns nun entgegen kommen. Rainer erzählt, wie er die Guardia di financa bewusst in eine längere Diskussion über das Aufstiegsverbot verwickelt hatte, so dass wir 15 Minuten Zeit für den Aufstieg gewonnen hatten. Wir überlegen ernsthaft, uns vor der Polizei zu verstecken, um den Aufstieg erneut und diesmal zu Viert zu versuchen. Jedoch ist der Blickwinkel zu den von oben absteigenden Polizisten mehr als ungünstig und wir müssen die Höhenmeter weiter verringern. Als wir um 19.20 Uhr erneut das Ratschlagschild passieren, treffen wir auf eine Gruppe von geführten Touristen, die alle einen unbeschreiblich unnötigen Schutzhelm auf den Köpfen tragen. Beide Seiten gucken sich unglaubwürdig an. Wir müssen laut lachen über diesen Erfindungsreichtum, mit angeblicher Gefährlichkeit selbst am Fuß des Vulkans den Leuten 17 Euro aus der Tasche zu ziehen. Als wir um zehn nach Acht wieder im Miramare eintreffen, lassen wir den Abend gemütlich bei Käse, Brot und Wein ausklingen. Timm und ich schwärmen noch Stunden über die unwirklichen Bilder auf dem Gipfel. |
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