Rainer Olzem - arge-geologie.de

Rund um den Ätna

Der Gipfel des Ätna

von Rainer

Nach dem späten Abend und der ersten Hüttennacht schlafen wir uns am Montag richtig aus. Um 9 Uhr morgens herrschen hier am Ätna in rund 1.700 m Höhe angenehm kühle Temperaturen bei wolkenlosem Himmel.

Von unserer Terrasse haben wir einen gigantischen Blick, linker Hand droht der Ätna mit seinen von hier aus gut zu erkennenden Eruptionsapparaten und schwarzen Lavazungen des Ausbruchs von 1983, die auf unsere Hütte zu laufen, rechter Hand sehen wir in der Tiefe auf Meeresniveau die Großstadt Catania mit ihren Vororten und dahinter das Meer.

Catania und der Ätna. Obwohl die Großstadt Catania mit ihrem Zentrum mehr als 25 km vom Ätna entfernt ist, konnte sie sich niemals sicher fühlen. Der größte historische Ausbruch im Jahre 1669 legte große Teile von Catania in Schutt und Asche.

Nächtlicher Blick auf Catania (www.hotelcorsaro.it)

Als Vorboten dieser vier Monate dauernden Eruption stiegen in den ersten Märztagen 1669 mächtige schwarze Rauch- und Aschenwolken aus dem Zentralkrater empor. Heftige, von unterirdischem Rollen begleitete Erdstöße setzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken. Am 8. und 10. März wurde ein großer Teil der Ortschaften Nicolosi, Pedara, Mascalucia, Gravina und Trecastagni von immer stärker werdenden Beben zerstört. Am Nachmittag des 11. März, als in Nicolosi eben eine feierliche Prozession zur Beschwichtigung der Naturgewalten stattfand, begann die Erde erneut so stark zu beben, dass auch die Kirchen des Ortes zusammenstürzten. Wenn das kein Zeichen des Himmels war!

Schon in der vorangegangenen Nacht hatte sich eine schmale, nur etwa 1,5 m breite, jedoch 16 Kilometer lange Radialspalte gebildet, aus der Rauch und Feuer aufstiegen. Am 11. März bildeten sich entlang dieser Spalte explosive Bocchen, aus denen Steine, Schlacken und glühende Lavafetzen ausgeworfen wurden. Einige dieser Bocchen vereinigten sich zu einem größeren Krater, der unaufhörlich Schlacken, Sande und Aschen förderte. Um die Ausbruchstelle häuften sich die Lockermassen zu einem 230 m hohen zweigipfeligen Kegel, der heutigen Monti Rossi.

Schon am 11. März hatte sich unterhalb der Monti Rossi ein großer Schlund geöffnet, aus dem Lava ausfloss, die innerhalb von 20 Stunden den Ort Malpasso überflutete. Alle 8.000 Einwohner flüchteten. Der Lavafluss hielt in den folgenden Tagen an, teilte sich talwärts in drei Ströme und begrub neun Ortschaften und Städte, darunter auch Misterbianco und Monpilieri, vollständig unter sich.

Am 15. April 1669 erreichte der mittlere Lavastrom die Stadtmauer von Catania. An dem bis zu 15 m hohen, aus gemauerten Lava- Quadern errichteten Bollwerk staute sich der Glutfluss zunächst, umfloss die Stadt auf der West- und Südseite und erreichte am 23. April das Meer. Bis zum 29. April strömte die Lava in einer Breite von 2 km etwa 1 km weit in die See. Am folgenden Tag jedoch konnte die Stadtmauer dem Druck der Lava nicht mehr widerstehen. Die Glutlawine durchbrach die Mauer und überflutete in den folgenden Tagen den Westteil der Stadt.

Vergeblich versuchten die Bewohner, das weitere Vordringen der Lava zu verhindern, indem sie Straßen verbarrikadierten und vermauerten. Am 16. Mai zerstörte die Lava einen weiteren Teil der Stadtmauer und die eindringende Glut umfloss das Kastell Ursino.

Bereits mehrere Tage vor Beginn des Ausbruchs zeigte der Hauptkrater des Ätna stark erhöhte Schlackenwurftätigkeit, die sich zu häufigen Ascheneruptionen steigerte. Während des eigentlichen Flankenausbruchs jedoch verhielt sich der Hauptkrater völlig ruhig, stürzte aber 15 Tage nach dem Beginn des Ausbruchs am 26. März unter heftigen Beben und der Entwicklung einer gewaltigen Staubwolke in sich zusammen. Tags darauf ließ Don Diego Pappalardo von Pedara aus 4 Bergsteiger durch den hohen Schnee zum Gipfel emporsteigen, um nachzusehen, was sich dort ereignet habe. Die Männer berichteten, dass der gesamte Gipfel des Berges zusammengestürzt sei und sich um 200 m erniedrigt habe.

Erst am 11. Juli, nach vier Monaten, war der Ausbruch zu Ende. Hunderte von Toten und Verletzten, 27.000 Obdachlose und ein Schaden in Millionenhöhe waren die Folge.

Heute gibt es in der Hütte kein Frühstück, gestern war Sonntag und wir konnten nicht einkaufen. Wir wollen das in einem Cafe an der Station Ätna-Süd nachholen. Doch bevor wir das tun, besichtigen wir erst das Grande Albergo dell' Etna direkt neben unserer Hütte. Rainer war in den letzten Jahren jedes Jahr hier und hat das Grande Albergo vor mehr als 10 Jahren als verlassenen alten und vergammelten Kasten vorgefunden. Später wurde das Gebäude renoviert und jetzt ist es anscheinend wieder - ohne in der Zwischenzeit genutzt zu werden - dem Verfall preisgegeben.

Dieses Schicksal teilt das Grande Albergo mit einer anderen, tiefer an der Südseite des Ätna gelegenen Hotelruine, die allerdings zu keiner Zeit fertig gestellt wurde. Wer weiß schon, wie und warum die Sizilianer planen.

Neben dem Grande Albergo beginnt eine alte schmale und romantische kleine Straße, die zum Haupteingang des Botanischen Gartens führt und weiter nach Adrano. Von dieser Straße, der wir etwa 2 km folgen, haben wir einen wundervollen Blick auf die Lava- Landschaft des Südwesthangs und auf das in der Tiefe gelegene Tal des Simeto. Der heutige klare Tag lässt unsere Blicke weit über Sizilien schweifen.

Von der Lava von 1983 zerstörtes Haus
Refugio Sapienza 1983 (alte Postkarte)

Zwischen dem Grande Albergo und dem Eingang des Botanischen Gartens liegt das Rifugio Ariel. Es ist ein rotes Haus inmitten eines Kiefernwaldes, das erst in diesem Jahr als Herberge genutzt wird. Rainer hatte im Mai 2004 mit den Besitzern, einer alten Dame und ihrem Sohn, gesprochen, weil er unser Exkursionsteam zuerst hier einquartieren wollte. Aus Kostengründen und wegen der einmaligen Aussicht unseres jetzigen Quartiers hatte Rainer sich aber für die Hütte entschieden.

Der Besitzer hatte von einem Deutschen Flugzeug erzählt, das auf der Kraterterrasse des Ätna abgestürzt sei und dort noch im Berg stecken solle. Der Pilot, inzwischen ein alter Mann, sollte vor einigen Jahren das Wrack besucht haben. Wir überlegen, ob wir den Besitzer nach Einzelheiten, vor allem nach der genauen Absturzstelle fragen sollen. Aber es ist keiner zu Hause.

Jetzt beginnen wir den Ätna-Aufstieg über die südliche Serpentinenstraße, von der Prof. Pichler überzeugt war, dass sie nach dem 1983er Ausbruch nie wieder instand gesetzt werden würde. In einer der höheren Serpentinen besichtigen wir das wohl meist fotografierte Objekt am Ätna, das vom 1983er Lavastrom zerstörte Haus direkt an der Straße, dessen obere Etage und ehemals mit roten Ziegeln eingedecktes Dach aus der Lava herausragen. Auch Jan macht ein Foto.

Nach einer Serie kleinerer Erdbeben, die eine größere Eruption ankündigten, riss am 28. März 1983, früh um 8:45 Uhr, auf der Südseite des Berges in 2.450 bis 2.250 m Höhe eine 750 m lange Eruptionsspalte auf, an der explosive Tätigkeit einsetzte und Lavaströme ausflossen. Bereits am Abend des selben Tags überflutete die Lava die von Nicolosi von Süden herauf führende Straße auf breiter Front. Etwa 20 Gebäude wurden zerstört, darunter das Ristorante Corsaro, das Hotel Cantoniera, eine Reihe von Häusern am Südhang und auch das frühere Albergo und Ristorante La Quercia in etwa 1.300 m Höhe, das uns am Vorabend so gut und freundlich bewirtet hatte. Nach dem Wiederaufbau heißt es nun La Nuova Quercia.

Am 6. August 1983 endete die vulkanische Aktivität. Insgesamt wurden etwa 80 - 100 Millionen m³ Lava gefördert, die eine Fläche von 6 km² bedeckte. Der mit 7,5 km längste Lavastrom floss bis in 1.080 m Meereshöhe und kam 7 km vor Nicolosi zum Stillstand.

Der 1983er Ausbruch fand durch den erstmals an einem europäischen Vulkan unternommenen Versuch, durch eine Sprengung den Lauf der Lava abzulenken, weltweites Interesse.

Als wir die Station Ätna-Süd erreichen, bekommen wir erst mal einen Schreck. Die Örtlichkeit ist eine wilde Baustelle, die früheren Souvenirläden in kleinen Holzhäusern sind großen festen Gebäuden gewichen, die ehemals einfache Verkehrsführung wurde verkompliziert und die Straße neu angelegt. Wir fragen uns, ob das Sinn macht. 2001 kam die Lava und floss über die Straße, den Parkplatz und einige Gebäude. Als alles wieder neu errichtet war, kam die Lava 2002 wieder und zerstörte dieses Mal noch mehr. Erschreckt sind wir auch über die Masse an Touristen und Touristenbussen.

Rainer hatte bereits vor Jahren mit dem dicken Parkwächter Freundschaft geschlossen. Er ist enttäuscht, dass er sich nicht sehen lässt. Es ist halt zu viel Betrieb. Dieser Parkwächter ist nämlich gar kein echter Parkwächter. Wenn ein Autofahrer nicht bezahlen wollte und ihn nach seiner Berechtigung fragte, zückte er einen alten zerknitterten Zettel mit einem Bettelbrief in der jeweiligen Sprache. Er sei ein armer Mann und bitte um eine kleine Spende. So wie der Parkwächter sein nicht vorhandenes Amt ausführt - er ist trotz der vielen großen Busse absolut souverän - wäre ihm bis auf wenige missgünstige Menschen keiner auf die Schliche gekommen. Er steckt sogar ab und an kleine Zettelchen mit irgend welchen Stempeln unter die Scheibenwischer.

Bei Ätna-Süd liegen zwei Flankenvulkane von 1892, der Monte Silvestri inferiore und der Monte Silvestri superiore, die man besteigen und umrunden kann. Als wir sehen, dass dort oben am Kraterrand kein Platz mehr für uns ist, werfen wir lieber einen Blick auf die in etwa 2.100 m Höhe oberhalb der Station gelegene Ausbruchstelle des Jahres 2001. Und informieren uns bei Hans Pichler über die Geologie des Berges.

Der Ätna, dessen vulkanische Produkte eine Fläche von etwa 1.170 km² und ein Volumen von rund 530 km³ einnehmen, ist Europas größter tätiger Vulkan. Unter den aktiven Vulkanen der Welt steht er hinsichtlich der Zahl seiner Ausbrüche in historischer Zeit an erster Stelle. Der nach allen Seiten hin freistehende Berg erhebt sich zur dreifachen Höhe der ihn umgebenden Gebirge. Naturgemäß bleibt seine Höhe nicht konstant. Sie liegt je nach den Folgen der vorangegangenen Aktivität zwischen 3.200 und 3.350 m über NN.

Der Ätna liegt einem isostatisch aufsteigenden Sockel aus Sedimenten auf, die kreidezeitlichen bis quartären Alters sind. Sie werden auf der Nordwest- Flanke des Berges erst in 1.150 bis 1.300 m Meereshöhe von Vulkaniten überdeckt. Demnach beträgt die absolute Höhe des Vulkans nur etwa 2.000 m. Der Ätna liegt auf der Westseite einer großen nordost-südwest streichenden regionalen Störungszone, die als Messina-Verwerfung bezeichnet wird. Dieses alte Lineament ist tektonisch noch aktiv und verursacht nicht nur den Vulkanismus des Ätna, sondern auch die häufigen starken Erdbeben in dieser Region. 1693 wurde Catania und 1908 Messina restlos in Trümmer gelegt.

Vor etwa 600.000 Jahren begann im Altpleistozän der Vulkanismus im Bereich des heutigen Ätnas, wobei sich die vulkanische Aktivität über einen langen Zeitraum von rund 300.000 Jahren erstreckt hat. Der Aufbau des Stratovulkan- Komplexes jedoch begann erst vor etwa 100.000 Jahren. Das ältere so genannte Mongibello-Stadium, in dem der ältere Teil des heutigen Ätna entstand, wird in das ausgehende Pleistozän vor etwa 10.000 bis 8.000 Jahren gestellt, während das jüngere Mongibello-Stadium, das des heute noch tätigen Vulkans, vor spätestens 3.000 Jahren begann. Diese Zeitangaben beruhen auf C14- Altersbestimmungen der Vulkanite.

Die vulkanologische Entwicklungsgeschichte des Ätna wird in mehrere Stadien unterteilt, die in Hans Pichlers Ätna- Beschreibung aus Italienische Vulkangebiete IV aus der Reihe Geologischer Führer auf den Seiten 73 - 91 ausführlich behandelt werden.

Den Flanken des Bergs sitzen fast 300 Parasitär-, Adventiv- oder Flankenvulkane auf. Weitaus die meisten entstanden im jüngeren Mongibello-Stadium während der letzten 3.000 Jahre. Auch heute entstehen bei größeren Eruptionen immer wieder neue Flankenvulkane. Die meisten liegen im Höhenbereich zwischen 700 und 2.500 m über NN, wobei die Höhenlage um 1.800 m am dichtesten besetzt ist. Der tiefst gelegene Kegel liegt in 370 m Höhe.

Typisch für den Ätna sind Eruptionen längs aufreißender Spalten. Mit Ausnahme der auf den Gipfelbereich beschränkten Dauertätigkeit des Vulkans waren nahezu alle historischen Ausbrüche an solche Eruptionsspalten gebunden. Die Länge dieser Spalten variiert von einigen hundert Metern bis zu mehreren Kilometern. Im Laufe einer Eruption reißen die Spalten zumeist nach unten zu immer weiter auf, wobei in höher gelegenen Bereichen meist reine Schlackenkegel entstehen, in tiefer gelegenen Bereichen dagegen meist Lava ausfließt.

Eine der Ausbruchsstellen von 2001 nahe der Touristenstation Ätna-Süd

Am 17. Juli 2001 früh um 7:00 Uhr öffnete sich am Fuß des Südost-Kraters in 2.950 m Höhe eine Eruptionsspalte, in deren Verlauf sich eine Reihe von Bocchen bildete, die lebhaft Lavafontänen ausstießen. Um 22:00 Uhr riss die Spalte weiter nach unten bis in 2.700 m Höhe auf, und Lava floss in südliche Richtung zur Bergstation der Seilbahn und der Skilifte hin aus. Als am 18. Juli sich die Spalte weiter bis in eine Höhe von 2.100 m auftat, wurde die Straßenverbindung Nicolosi - Zafferana über Ätna-Süd durch die ausfließende Lava auf einer Länge von 100 m unterbrochen.

Durch verzweifelte Versuche, den Lavastrom von der Seite mit Wasser zu besprühen und so zu stoppen und durch den Bau eines Erdwalles gelang es, ein von der Lava bedrohtes Restaurant und einen Souvenirladen an der Station Ätna-Süd zu retten.

Am Abend des 19. Juli öffnete sich ein neuer Krater in 2.570 m Höhe. In heftigen Explosionen schossen schwarze Aschesäulen hoch und rissen große Blöcke älterer vulkanischer Gesteine mit sich. Am 24. Juli änderte sich die Aktivität des neuen Kraters. Lavafontänen schossen mit lautem Donnern hunderte Meter in die Höhe.

In der Zeit zwischen dem 26. und 30. Juli wurden enorme Anstrengungen unternommen, die Station Ätna-Süd mit dem Rifugio Sapienza, der Talstation der Seilbahn und den Souvenirläden vor der Lava zu retten. Trotzdem wurden einige Masten der Seilbahn zerstört und die Straße an der Station Ätna-Süd auf einer weiteren Strecke überflutet. Am Abend des 30. Juli ging die Bergstation der Seilbahn in Flammen auf, als eine Lavazunge ihre Mauern durchbrach.

Erst am 9. August, als der Lavastrom, der Nicolosi bedrohte, bereits ein Niveau von etwa 1.050 m erreicht hatte, endete die Aktivität des Vulkans. Insgesamt acht Lavaströme und mächtige Aschenfälle hatten ein Gebiet von 5,5 km² völlig verändert. Etwa 21 Millionen m³ Lava und 20 Millionen m³ pyroklastisches Material wurden in den knapp 24 Tagen des Ausbruchs ausgeworfen.
Glücklicherweise gibt es das kleine Cafe unterhalb der Talstation der Seilbahn noch. Dort frühstücken wir mit Pizza und Capuccino.

Wir fahren weiter über die Serpentinenstraße hinunter nach Zafferana. Uns kommen viele Reisebusse entgegen. Zafferana, die Stadt des Honigs, ist ein hübscher kleiner Luftkurort mit einer interessanten Kirche und einer malerischen Piazza, von der man gute Aussicht auf den Berg hat. Rainer hatte von hier 2000 eine große Ascheneruption beobachtet. Auf der Piazza nehmen wir einen Kaffee.

Lavastrom von 1993 bei Zafferana
Polierte Lava im Trockenbach

Als die Lava 1991 bis 1993 das Valle del Bove auffüllte und schließlich über den Talrand gen Zafferana floss, gab es in der Stadt große Panik. Aber die frommen Einwohner wussten sich zu helfen. Ein Priester mit einer Figur der Mutter Gottes in den erhobenen Händen ging, von den gläubigen Einwohnern begleitet, mutig dem Lavastrom entgegen. Dort, wo die Lava zum Stillstand kam, hatte Maria ein Wunder getan und es wurde ihr aus Dankbarkeit eine Marienstation errichtet. Solche Stationen und kleinen Kapellen gibt es am Ätna zuhauf, denn irgendwann kommt jede Lava irgendwo zum Stillstand. Und wenn überall Menschen wohnen würden, würde am Ende jeder Lavazunge eine kleine Kapelle stehen.

Begleitet von hunderten kleinerer Erdbeben öffneten sich am 14. Dezember 1991 in einer Höhe zwischen 3.000 und 2.700 m an der Südostflanke des Berges ein System von Eruptionsspalten. Gleichzeitig riss eine kleinere Spalte am Nordhang des Südost-Kraters auf. Heftige Lavafontänen und Lavaströme traten aus. In der folgenden Nacht bildeten sich neue Eruptionsspalten an der Nordwest- Wand des Valle del Bove, aus denen riesige Mengen von Lava das Tal überfluteten. Der Lavafluss breitete sich in den nächsten Wochen nach Osten aus und erreichte zum Jahresende das Val Calanna, ganz in der Nähe der Stadt Zafferana.

Zum Schutz der Stadt wurde am flachen Ende des Val Calanna ein Schutzwall errichtet, um die Lava daran zu hindern, die Talböschung auf Zafferana zu hinab zu fließen. Zwei Monate lang füllte sich der Lava-Staudamm, bis am 7. April der Damm überflossen wurde und die Lava sich rasch den steilen Hang auf die Stadt zu bewegte. Auf ihrem Weg nach unten durchbrach die Lava auch drei hastig errichtete kleinere Dammbauwerke. Glücklicherweise kam der Fluss noch vor der Stadt zum Stillstand. Jedoch zerstörte ein neuer, 120 m längerer Lavafluss Mitte Mai 1992 die ersten Häuser der Stadt.Nach den missglückten Versuchen, die Lava durch Dammbauwerke aufzuhalten, versuchte man es mit Sprengungen, um die Lava in einen künstlich angelegten Kanal zu leiten. Diese Vorgehensweise führte teilweise zum Erfolg. Trotzdem wurde die Notwendigkeit dieser Maßnahmen von vielen Naturschützern und Wissenschaftlern in oft polemischer Weise angezweifelt.

Die effusive Aktivität endete am 30. März 1993, nach 473 Tagen. Damit war sie die am längsten dauernde Flankeneruption seit dem Ausbruch von 1669. Das ausgeflossene Lavavolumen wird mit 205 - 250 Millionen m³, die von Lava überflossene Fläche mit 7,6 km² angegeben.

Auf der weiteren Umrundung des Ätna kommen wir durch die kleinen Orte Milo und Fornazzo. Hier geht die Straße zum Piano Provenzana (Ätna-Nord) ab. Die Straße führt durch eine wahre Mondlandschaft aus Lava. Wir besuchen das sehr herunter gekommene Rifugio Citelli. Dann halten wir an einem Trockenbachtal, dessen Bett aus blank polierter Lava besteht. Das Polieren geschieht durch das Wasser, das während der Schneeschmelze feinste Aschepartikel als Poliermittel mit sich führt.

Die Reste des Albergo le Betulle auf dem Piano Provenzana

Nach wenigen Kilometern ist die Straße durch eine Lavazunge von 2002 versperrt, hier können nur Geländewagen passieren. Wir steigen aus und besichtigen den Schaden. Der Lavastrom zieht sich weit den Berg hinauf. Es hilft nichts, wir müssen umkehren und den großen Umweg über die Stadt Linguaglossa nehmen. Von dort fahren wir mit dem Ziel Ätna-Nord wieder den Berg von der nordöstlichen Seite hoch und kommen nach mehr als einer Stunde etwa 500 m entfernt von unserer Umkehrstelle aus. Von dieser Seite ist Piano Provenzana über die alte Stichstraße voller enger Serpentinen zu erreichen. Auch diese im Frühjahr noch über die Lava führende Straße ist mittlerweile neu asphaltiert.

Lavastrom am Piano Provenzana

Das Piano Provenzana, eine weite und flache Hochebene in etwa 1900 m Höhe war vor dem Ausbruch 2002 eine liebliche, mit Bäumen bestandene und mit Gras und bunten Blumen bewachsene Landschaft. Es gab ein Albergo mit Restaurant, das Albergo Piano Provenzana, wo Rainer mehrfach und gern gewohnt und sich bereits für den Mai 2003 angemeldet hatte, es gab ein Cafe und Albergo mit Ticketverkauf für die hier abgehenden Geländebusse, das Albergo le Betulle, es gab eine ganze Reihe von Holzhütten mit Souvenirverkauf und Skiverleih und weitere kleinere Hütten. Als die Lava kam, wurde alles zerstört. Auch das Albergo Piano Provenzana, von dem noch die Grundmauern zu erkennen sind. Es wurde kein Opfer der fließenden Lava, aber ein Opfer der den Ausbruch begleitenden starken Erdbeben, der niedergehenden Blöcke und Bomben und der Hitze des vorbei ziehenden Lavastroms. Vom Albergo le Betulle ragt nur noch ein Teil des Daches aus der Lava. Heute stehen hier wieder einige wenige Holzhütten, die Souvenirs und Tickets für die wieder einsatzbereiten Geländebusse verkaufen. Aber die Geschäfte gehen schlecht, nur wenige Touristen verirren sich hierhin. Jan macht eine Reihe eindrucksvoller Fotos in dieser bizarren Landschaft.

Baumreihe am Rand des Lavastroms

Etwa um Mitternacht des 26. Oktobers 2002 öffneten sich an der Südflanke des Berges in 2.750 m Höhe und an der Nordostflanke in einer Höhe zwischen 2.500 und 1.850 m Eruptionsspalten, aus denen mit großer Heftigkeit Lava austrat. Als der Ausbruch am 28. Januar 2003 endete, hatte der Vulkan 60 - 70 Millionen m³ Lava und Pyroklastika ausgespuckt und riesigen Schaden angerichtet.Seit der letzten heftigen Eruption im Jahre 2001 waren erst 15 Monate vergangen. Deshalb und aufgrund der Heftigkeit der jüngeren Ausbrüche begann eine Diskussion unter Fachleuten darüber, ob der Ätna sich von einem friedlichen Überläufer zu einem gefährlichen explosiven Vulkan entwickeln würde.

Baumleichen und ein Überlebender
Alte Ätnastraße mit Blick auf den Gipfel

Ein kleiner Teil des Piano Provenzana ist von der Lava verschont geblieben. Hier gibt es ein uriges Restaurant in einer alten Holzhütte, in dem wir Mittag machen. Als wir den Berg hinaufschauen, erkennen wir ca. 2.800 m Höhe eine sichelförmige Anordnung von Fumarolen, die sich über einige hundert Meter erstrecken und die in kurzen Abständen intermittierend und kräftig entgasen. Wir machen unsere Wirtsleute auf dieses Phänomen aufmerksam. Die Wirtsleute glauben, dass es noch Wasserdampfbildungen in Folge des 2002er Ausbruchs sind. Unserer Ansicht nach liegen die Ausbruchstellen des Jahres 2002 an der Nordost- Flanke des Berges in einer Höhe von ca. 1.850 bis 2.500 m. Auf keinen Fall aber in einer Höhe von 2.800 m. Wir finden aber keinen Glauben. Beim Schreiben dieses Berichtes findet seit dem 7. September der Ausbruch an - wahrscheinlich dieser - sichelförmigen Spalte statt. Täglich sehen wir im Internet die Webcam- Bilder und die Fotos von Marco Fulle, die diesen Lava- Austritt hervorragend dokumentieren. Leider sind wir schon am 4. September abgereist. Wer zu früh fährt, den bestraft das Leben.

Da der Tag schon weit fortgeschritten ist, fahren wir zurück in Richtung Linguaglossa und nehmen vor der Stadt die Nebenstraße am Westhang des Ätna in Richtung Randazzo und Bronte. Wir queren die Lava von 1981, die weite Bereiche um Randazzo zerstört hat. Am letzten Exkursionstag wollen wir uns mit dieser Gegend des Ätna näher befassen.

In Bronte kaufen wir die Zutaten fürs Abendessen auf der Hütte ein. Wir fahren weiter über die alte Ätnastraße, in die wir am Vormittag von der anderen Seite aus kurz hinein gefahren sind. Wir bleiben dabei, es ist eine romantische, sehenswerte alte Straße, übersät mit abgrundtiefen Schlaglöchern und oft so schmal, dass unser Benz grade passt. Die Straße führt zunächst durch Hochwald mit Ätna-Kiefern, deren Stämme die Abendsonne vergoldet, und später durch offene Lava- Landschaften. Um halb Acht erreichen wir die Hütte, unsere Hundefamilie erwartet uns bereits sehnsüchtig.

Weil wir uns bislang hauptsächlich von Pizza und Pasta ernährt haben, bereitet Rainer als Abendessen eine deutsche Spezialität zu, nein, nicht den Klassiker Currywurst mit Fritten, sondern Bratkartoffeln mit Zwiebeln und Knoblauch und mit Spiegelei und Salat. Die Zubereitung auf zwei kleinen Kochplatten dauert bei den Mengen an Bratkartoffeln eine kleine Ewigkeit. Die auch vorhandenen 4 Flammen des Gasherds funktionieren nicht, weil es kein Gas gibt. Überhaupt funktioniert in der Hütte vieles nicht und manches ist eigentlich unzumutbar. Aber wir sind in Sizilien am Ätna, da läuft das unter Hüttenromantik.

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