Rainer Olzem - arge-geologie.de

Ferdinandea - Die Insel, die es nicht gibt

Zum ersten Mal wird Ferdinandea während des 1. Punischen Krieges (264 - 241 v.Chr.) erwähnt, weitere Male im Jahre 10 v.Chr und im Mittelalter. Zum letzten Mal taucht sie im August 1831 auf.

Die Geisterinsel Ferdinandea

Am 15. April 1986, früher Vormittag, griffen sie an. US-Kampfjets auf dem Weg nach Libyen. Präsident Reagan hatte eine Strafaktion angeordnet wegen des Anschlags auf die Berliner Diskothek La Belle zehn Tage zuvor. Gaddafi stand im Verdacht, Drahtzieher gewesen zu sein. Gerade als die FB-111 Aardvark zwischen dem tunesischen Cap Bon und dem Capo Granitola im Westen Siziliens einschwenkten zum Kurs auf Tripolis, sahen sie unter sich geheimnisvollen Rauch aus dem Meer aufsteigen. Ein libysches U-Boot? Submarine Raketenabschussrampen zur Verteidigung der Küste?

Die Piloten klinkten Wasserbomben aus. Doch sie trafen keine Wunderwaffe Gaddafis, sondern eines der größten meeresgeologischen Wunder der Welt: Ferdinandea, Sciacca, Nertita, Corrao, Hotham, Julia, Graham – es gibt keine zweite Insel auf den sieben Weltmeeren, die derart viele Namen hat, gleichzeitig aber so unscheinbar ist. Nicht nur, dass sie winzig wäre, im Umfang vielleicht fünf Kilometer und um die 60 Meter hoch. Sie taucht obendrein nur alle paar Hundert Jahre auf – und geht wenige Monate später schon wieder unter.

(Quelle: Ulli Kulke, in Die Welt vom 02.12.2002)

Dampfender Steinhaufen im Meer

Ende Juni 1831 bebte etwa 50 Kilometer vor der Küste Siziliens, zwischen der Insel Pantelleria und der Stadt Sciacca, die Erde so stark, dass die Schiffe im Hafen von Sciacca Schaden nahmen. Einige Tage später stellten einheimische Fischer fest, dass es draußen auf dem Meer nach Schwefel roch.

Am 13. Juli konnte man vom sizilianischen Festland aus eine riesige Rauchsäule über dem Wasser sehen. Der Kapitän der maltesischen Brigg "Gustavo", die nahe an dieser Stelle gekreuzt hatte, berichtete von einem starken unterseeischen Gurgeln und Blubbern. Zwei Tage später bemerkten Fischer, dass an jener Stelle viele tote Fische im Wasser trieben. Weitere zwei Tage später kam das, was Rauch und Gurgeln verursacht und die Fische getötet hatte, an die Oberfläche.

"Es war ein Vulkankrater, der sich langsam aus dem kochenden Meer erhob. Der Krater warf große Mengen Rauch, Asche und glühende Steine in die Luft und wuchs beständig an, begleitet von heißem Wasserdampf und heftigem Donnern."

Das Schauspiel konnte gar vom Festland aus beobachtet werden: "Nachts waren weithin helle Feuersäulen zu sehen, die aus dem Krater ausgeworfen wurden."

Die Eruptionen hielten mehrere Wochen lang an, und als die Insel Ende August einen Umfang von 5000 Metern und eine Höhe von 63 Metern erreicht hatte, war sie fertig.

Zeitgenössisches Gemälde der Ferdinandea-Eruption
Heute liegt der Gipfel des Vulkans nur 8 m unter dem Meeresspiegel

In der Zwischenzeit waren die berühmtesten Geologen Europas an Ort und Stelle aufgetaucht, um diesen einmaligen Geburtsvorgang zu beobachten, um die Insel zu erforschen und natürlich für ihr Vaterland in Besitz zu nehmen. Der Deutsche Friedrich Hoffmann, seines Zeichens Vulkanologe des Königreichs beider Sizilien, taufte sie Ferdinandea, zu Ehren des sizilianischen Königs Ferdinand.

Ein englischer Kapitän brachte Wissenschaftler der Londoner Geographischen Gesellschaft auf die Insel, die pflanzten den Union Jack an ihrem Strand auf und nannten sie Graham, zu Ehren von James Robert George Graham, dem Ersten Lord der Admiralität.

Auch die Franzosen kamen vorbei, erklärten den dampfenden Steinhaufen zu französischem Territorium und gaben ihm den Namen Giulia, weil er an einem Julitag aus dem Meer getaucht war.

Touristen wurden in kleinen Booten dorthin gefahren, unter ihnen der englische Romancier Sir Walter Scott, der aus gesundheitlichen Gründen auf Sizilien weilte, und außerordentlich beeindruckt war. Zwei seiner Landsleute wagten es sogar, trotz der Hitze und des bestialischen Gestanks, der von den Steinen ausging, am Strand der Insel ein kleines Breakfast zu sich zu nehmen.

Geisterinsel ...
... Ferdinandea

Die Geologen waren erstaunt: Die Insel besteht vorwiegend aus Asche, zerkleinerten Brocken Eisenschlacke und einer Art eisenhaltigen Lehms. Es gibt keine Spur von Lava, Bimsstein oder Muschelschalen, wie man es vom Ätna oder vom Vesuv her kennt. Und noch etwas erregte ihre Aufmerksamkeit:

Zwischen diesen heterogenen Bestandteilen besteht keinerlei Verbindung. Am Rand der Insel werden die Bröckchen bereits wieder vom Meer weggespült, und ich denke, dass der Insel kein langes Leben beschieden sein wird.

Man möchte meinen, dass solche Worte ihrer Geologen die Politiker davon abgehalten hätten, um diesen stinkenden kleinen Steinhaufen mitten im Meer zu streiten. Doch der Machttrieb war stärker. Es entspann sich ein heftiger Disput um die Insel. Und während man stritt und scharfe Noten hin- und herschickte und sogar schon von Krieg munkelte, war die Insel längst dabei, sich wieder aufzulösen.

Die historische Ferdinandea-Eruption auf Briefmarken

Ein halbes Jahr später, im Dezember 1831, wurde sie von zwei Offizieren der Topographischen Gesellschaft von Neapel schon nicht mehr aufgefunden. Die Insel Ferdinandea hat sich unter die Wasseroberfläche zurückgezogen, wo sie bis heute ein Hindernis für die Schifffahrt darstellt. Ihren letzten großen Auftritt hatte sie 1987, als ein US-amerikanisches Patrouillenflugzeug sie für ein lybisches U-Boot hielt und bombardierte. Und anno 2002, als ein italienischer Meeresgeologe verlauten ließ, der Vulkan könne möglicherweise bald wieder aktiv werden, tauchten italienische Taucher die acht Meter zu Ferdinandeas Spitze hinunter und installierten auf ihr eine Tafel, mit der Inschrift: egal, ob über oder unter Wasser, die Insel gehöre den Sizilianern. Man kann ja nie wissen...

(Xaver Frühbeis, Deutschlandfunk)

Ende 2002 rumort es wieder unter der Oberfläche Süditaliens

Die Wassersäule über Ferdinandea zeigt stetige Hebungen und Senkungen des Vulkans

Ende 2002 rumort es wieder unter der Oberfläche Süditaliens. Der Ätna spuckt, die Erde bebt. Enzo Boschi vom römischen Institut für Geophysik und Vulkanologie hat denn auch in den letzten Tagen und Wochen an jenem submarinen Unikum, etwas mehr als 20 Kilometer vor der sizilianischen Küste, verstärkte Aktivitäten ausgemacht: Seismische Bewegungen und Gaseruptionen lassen den Professor vermuten, der Unterwasservulkan werde sich in Bälde mal wieder als Insel über die Straße von Sizilien erheben, nur kurz, versteht sich. Aber wem wird dann das kleine, flüchtige Stück Boden gehören, das etwas außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone, dem italienischen Hoheitsgebiet, liegt?

Domenico Macaluso, Arzt im nächstgelegenen Hafenort Sciacca, hat schon mal Vorkehrungen eingeleitet. Seit einiger Zeit verdächtigt der passionierte Hobbytaucher den berühmten Unterwasserarchäologen Robert Ballard, ein Auge auf das Naturphänomen geworfen zu haben. Dem Medienstar will er keinen Lavabrocken dieses Hot Spots gönnen. In Vorahnung eines erneuten Ausbruchs von Ferdinandea brachte er daher vor zwei Jahren eine 150 Kilogramm schwere Marmorplatte an die Außenwand des Vulkans an, nur wenige Meter unter dem Meeresspiegel. Mit der Aufschrift: "Dieses Stück Land, einst Ferdinandea genannt, gehörte dem Volk Siziliens und wird ihm immer gehören."

2002 brachten Taucher auf dem Vulkangipfel ...
... eine steinerne Besitzurkunde an: "Diese Insel ...
... gehört auf ewig dem sizilianischen Volk"

War Macalusos Vertrauen gerechtfertigt, die Marmorplatte werde das Auftauchen der Insel überleben? Ausgeschlossen ist es nicht, einige Geologen behaupten, der Inselerhebungen lägen keine vulkanischen Explosionen zu Grunde, sondern vielmehr ein Auf und Ab des ganzen Meeresbodens der Umgebung. Doch dann war die steinerne Besitzerklärung kurz nach ihrer Montage, lange bevor das Ganze jetzt in Bewegung kam, zertrümmert, in viele Stücke zerschlagen. Wer war das?

Macaluso ist außer sich, verdächtigt fremde Mächte, Staaten oder Einzelinteressenten, Hand an das Naturwunder gelegt zu haben. Italienische Zeitungen – es geschah kurz nach den Krawallen von Genua – verdächtigten damals gar einen "Schwarzen Block" von Unterwasser-Anarchisten. Filippo D'Arpa, örtlicher Journalist und Autor des im letzten Jahr erschienenen Romans "Die Insel, die verschwand", versucht, seinen Landsmann zu beruhigen mit dem Argument, da sei wohl ein schwerer Anker über das gute Stück geschrammt. Doch davon will Macaluso nichts wissen. Er kombiniert: In dem Falle wäre die Platte in zwei, nicht in zwölf Stücke zerbrochen.


(Quelle: Ulli Kulke, in Die Welt vom 02.12.2002)

Die geologischen Grundlagen

Empedocle (grün) in der Straße von Sizilien
Bathymetrische Karte des Vulkankomplexes Empedocle

Der Mittelmeerraum ist eine tektonisch äußerst komplizierte aktive und deshalb unruhige Zone, die noch viel Raum für geowissenschaftliche Forschungen lässt. Hier sei auf den Artikel „Marsili – Supervulkan im Mittelmeer“ – verwiesen. Dort findet sich eine kurze Beschreibung der geologischen Entwicklung des Mittelmeeres.

Ferdinandea - wie auch die übrigen submarinen und subaerischen Vulkane im Mittelmeer - verdankt seine Entstehung den tiefgründigen Bruchsystemen, die das Mittelmeerbecken in unterschiedlichen Richtungen kreuzen. Diese Bruchsysteme sind Ergebnis der Plattentektonik, die die Afrikanische Platte nach Norden gegen die Eurasische Platte schiebt. Insbesondere die Schnittpunkte dieser Bruchsysteme ermöglichen dem Magma bevorzugt den Aufstieg aus dem Erdmantel.

Im Jahre 2006 entdeckten der Vulkanologe Giovanni Lanzafame und der Chirurg Domenico Macaluso in der Straße von Sizilien einen submarinen Vulkankomplex von etwa 30 km Länge und 20 km Breite. Das untermeerische Massiv liegt zwischen der sizilianischen Stadt Sciacca und der Insel Pantelleria, etwa 40 km südlich der sizilianischen Küste. Lanzafame und Macaluso nannten den Vulkankomplex Empedocle*, nach dem antiken griechischen Philosophen und Arzt.

Komplexe Tektonik im Mittelmeerraum

Auf dem Kamm des rund 500 m hohen Empedocle-Vulkanmassivs sitzt eine Reihe von vulkanischen Kratern, einer davon ist der Vulkan Ferdinandea, dessen Gipfel nur etwa 8 m unterhalb der Meeresoberfläche liegt.

Austretende vulkanische Gase belegen die Aktivität des Vulkankomplexes. Neben der Gefahr einer Eruption des Vulkans sind - aufgrund der steilen Hänge des Bergmassivs - besonders Bergstürze an den Flanken zu befürchten, die jederzeit eine Flutwelle und damit auch einen größeren Tsunami verursachen können.

____________________

Empedokles
Stürzte er oder war Hades behilflich?

* Empedokles (etwa 494 - 434 v.Chr.)  soll – der Legende nach - aus Ärger über die Sinnlosigkeit, zu den Lebenden zu sprechen, auf den Ätna gestiegen sein und dort seine Worte an die Natur gerichtet haben. Dann sprang er in den Krater.
 
"Andere wollen freilich wissen, dass es Hades selbst war, der dem Philosophen einen Tritt gab, denn die großsprecherische Art der Rede erinnerte diesen wohl zu sehr an seinen ungeliebten Bruder Zeus" (Christopher Weidner in astrophoenix).

Nach oben